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Musizieren im Alter ist das Thema, welches mich zurzeit beschäftigt. Erfahrungen mit KlavierschülerInnen im dritten Lebensalter werde ich hier veröffentlichen. Aber auch Texte und Essays, die im Rahmen meines Philosophiestudiums an der Uni Basel entstanden sind, werden Sie auf meinem Blog finden.

Reiseberichte sind unter http://www.piadurandi.blogspot.de/ zu finden.

Der Handschuh

25. November 2016

Nach der Vorlesung über Tierethik fahre ich in der Tram zur Grenze. Ich bin müde. Die schmale Gestalt neben mir erhebt sich. Langer Mantel, wehendes Haar, anmutig. Beim Aussteigen fällt ein Handschuh auf den Boden. Ich will ihr zurufen: „Ihr Handschuh!“, - tue es aber nicht. Irgendetwas hält mich zurück.

Der Handschuh liegt auf dem Teil der Tram, der sich in den Kurven dreht. Er scheint sich zu bewegen. Eine Illusion. Die Tram bewegt sich, nicht der Handschuh. Er liegt still und einsam. Ihm fehlt sein Kumpel. Der ist noch bei der Frau und wärmt ihre eine Hand. Welche? Ich gucke genau hin. Auf dem Tramboden liegt der linke. Dunkelblau. Aus Leder. Leder sollte man nicht mehr tragen. Ich habe auch Lederhandschuhe. Trage sie auch, obwohl ich Tierethik studiere. Aber ich kaufe keine neuen. Ich trage die alten aus.

Der Handschuh tut mir leid. Allein gelassen! Auf dem Boden der Tram. Der Daumen ist nicht zu sehen. Bauchlage. Sollte ich ihn aufheben? Und auf den leeren Sitz legen? Zu spät. Eine Frau setzt sich darauf. Sie gibt dem Handschuh mit dem Fuß einen Stoß. Er bewegt sich nach vorne. Jetzt hat sie Platz für ihre Einkaufstaschen. Unverschämte Person. Kickt den Handschuh einfach weg.

Ja gut, der Handschuh ist nicht empfindungsfähig. Er hat keine Rechte, keine negativen und schon gar keine positiven. Man kann ihn einfach wegkicken. Oder hat man etwa indirekte Pflichten einem Handschuh gegenüber? Sollte ich ihn zum Fundbüro bringen, damit die Besitzerin zu ihrem Recht kommt? Aber wo finde ich das Fundbüro? Und ist es nicht sowieso geschlossen, wie die Poststelle? Sicher gibt es ein virtuelles Fundbüro im Internet.

Bei der nächsten Haltestelle entdeckt eine Dame den Handschuh bei Aussteigen. Die erste, die von ihm Notiz nimmt. Sie fragt die Frau, die den Handschuh weg gekickt hatte, ob es ihrer sei. Diese lächelt. Nein. Hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie so grausam zu ihm war?

Wenn der Handschuh Glück hat, bleibt er unversehrt bis zur Endstation liegen. Dann werde ich ihn zum Tramführer bringen. Wenigstens das kann ich für ihn tun. An der Endstation gehe ich nach vorne zur Führerkabine. Ich klopfe an die Glaswand. Der Tramführer lächelt mich an und öffnet das Fenster. Ich übergebe ihm den Handschuh. Er bedankt sich. Ein gut aussehender Tramführer! Ich steige aus. Für mich ist die Welt wieder in Ordnung. Ich hoffe, für den Handschuh auch.

Ich bin eine Fledermaus

23. Mai 2015

...Es schien hektisch zu und her zu gehen. Ein angenehmer Essensgeruch durchströmte das kleine Hüsli. Anna blieb ungerührt, die Beine zur "Kerze" in die Höhe gestemmt. Den Kopfstand schaffte sie leider nicht, den Handstand noch weniger. Sie befürchtete die Einrichtung zu gefährden, sich die Knochen anzuschlagen oder das ganze Büchergestell umzuschmeißen. Ihr Arbeitszimmer war klein, mit Dachschrägen. Das vereinfachte das Experiment. Der Raum glich einem Dachboden - mit weniger Staub - etwas weniger. Gewöhnlich fiel das Licht  durch die beiden Dachfenster. Die Jalousien fehlten. Zum Glück besaß Anna noch die schwarzen Tücher, die beim Ausstatten der Theaterbühne  an der Schule stets gute Dienste geleistet hatten. Damit hatte sie die beiden Dachfenster verdunkelt und die Ränder des Stoffes mit Tesa -Krepp an der Wand festgeklebt.

"Essen ist fertig"!! Diesmal klang Freds Stimme ungeduldig. Anna versuchte ihre Arme nach beiden Seiten weit  auszustrecken. Ihre Beine gerieten ohne Stütze ins Schwanken. Sie schaffte es mit größter Anstrengung, das Gleichgewicht zu halten. Aber da fehlte doch etwas! Richtig die weiten Ärmel. Kürzlich hatte sie sich, trotz heftiger Proteste ihrer beiden Schwestern, einen Mantel gekauft, der weit geschnitten und erst noch schwarz war.  Er wäre genau das richtige Kleidungsstück für das Experiment. Anne rollte langsam ihren Rücken ab, kam in aufrechter Haltung zu sitzen und überlegte, wo der Mantel sein könnte. Sie musste nicht lange nachdenken, der Mantel hing am Kleiderständer. Sie zog ihn an, hievte ihre Beine wieder in die Höhe, streckte die Arme zur Seite und - sah nichts mehr. Der Stoff des Mantels bedeckte Kopf und Oberkörper. Umso besser. Sie brauchte nichts zu sehen, hören tat sie immer noch und riechen auch. Fred schien eine Tortilla zubereitet zu haben. Aber eigentlich interessierte sich Anna im Moment nur für das eine: würde sie es schaffen, in umgekehrter Körperhaltung, mit Hilfe der schwarzen Verkleidung, wedelnden Armen und  ohne etwas zu sehen sich so zu fühlen wie dieses Wesen? Oder blieb es bei der Vorstellung, wie es wohl wäre, so ein Wesen zu sein? Subjektives oder objektives Bewusstsein, das war hier die Frage. Der Philosoph Thomas Nagel sagt, es sei unmöglich zu wissen, wie es wäre, ein dem Menschen so wesensfremdes Geschöpf zu sein. Mit Empathie würde man es nicht wissen können, weil diese auf einem subjektiven Bewusstsein beruhe. Auch Phantasie – damit war Anna gesegnet – bringe nichts. Diese beruhe auf unsern menschlichen Erfahrungen und sei deshalb beschränkt. Na, wir werden sehen. Noch war Anna erst am Anfang ihres Experiments. Der wichtigste Teil stand noch bevor. "Himmel noch mal, bist du eigentlich taub?" Fred stieß die Tür zu Annas Zimmer wütend auf. "Ich habe schon zwei..." Er verstummte beim Anblick von Anna. "Sag mal spinnst du?" rief er außer sich. "Ich bin nicht taub, im Gegenteil und spinnen tu ich auch nicht. Aber ich sehe nichts,“ antwortete Anna. "Würdest Du mir bitte erklären, was dieses Szenario bedeuten soll?" Fred schien  sichtlich verwirrt darüber zu sein, Anna in der ungewohnten Stellung mit hochgestreckten Beinen und bedeckt vom wallenden Stoff des Mantels zu sehen. Das Wedeln mit den Armen hatte sie inzwischen eingestellt. Die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren war zu groß. "Man sagt nicht `Szenario`. Das heisst `Situation`. Hat mein Tutor gesagt“. „Mir passt aber diese `Situation`nicht. Das Essen wartet! Sag mir endlich, was diese Turnübung zu bedeuten hat!" "Ich turne nicht, ich studiere." Anna ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Es kam jetzt darauf an, sich voll zu konzentrieren. Sie setzte zu einem hohen Pfeifton an. In der unbequemen Stellung kein Kinderspiel! "Was soll denn dieses Pfeifen? Machst du dich über mich lustig?" Fred ließ sich auf einen Stuhl fallen. "Ich versuche gerade, dich zu lokalisieren." "Wie bitte?" "Da ich nichts sehe, tu ich das mit Hilfe der Echolotortung." "Ich sitze hier auf dem Stuhl, während die Tortilla anbrennt," jammerte Fred. "Ich mag keine Tortilla." Anna spürte, dass sie auf dem richtigen Weg war. Ihr Bewusstsein schien sich zu verändern. "Du magst keine Tortilla! Wieso denn das jetzt plötzlich?" Freds Stimme klang hilflos. "Ich ziehe Insekten vor." Ohne dass Anna einen weiteren hochfrequentierten Ton ausstoßen musste, nahm sie wahr, wie Fred vom Stuhl aufsprang. "Würdest du jetzt bitte mit dem Quatsch aufhören!?" Anna begann erneut mit den Armen zu wedeln. Der Stoff des Mantels bewegte sich auf und ab. Die Füße gegen die Decke gestreckt piepste sie mit hoher Stimme: "Ich bin eine Fledermaus!" Wutschnaubend verließ Fred das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Durch den Luftstrom veranlasst bewegte sich der Stoff um Annas Arme, ihre Beine wiegten leicht in der Luft. Es war schön, eine Fledermaus zu sein. Hm - aber die Tortilla roch auch sehr gut...

Kaffee mit Platon

24. Februar 2015

„Ich bin nicht einverstanden.“ Fred knallte seine Tasse auf den Tisch. Sie überstand den Aufprall. Anna schaute verärgert von ihrer Zeitung auf. „Du kannst deine Meinung auch besonnen zum besten geben. Es wäre besser für unser Inventar.“ „Aber du hörst mir ja nicht zu!“ „Dann finde kluge Argumente und ich werde ganz Ohr sein.“ „Kluge Argumente? Willst du damit sagen, dass ich bis jetzt  nur Blödsinn geredet habe?“ „ Ja.“ Diesmal überlebte die Tasse den Aufprall nicht. Zum Glück war sie wenigstens leer.

„Jetzt haben wir eine weniger. Kannst du dich nicht beherrschen?“ „Nein. Ich bin eben so. Das ist meine Natur.“ „Dann kann ich mit dir nicht diskutieren. Diese Sprache verstehe ich nicht.“ „Was soll das heissen?“ „Es soll heissen, dass du lernen sollst, dich zu beherrschen.“ „Ich habe keine Lust, mich von dir belehren zu lassen.“ „Du sollst dich selber belehren.“ „Wieso?“ „Weil wir sonst bald keine Tassen mehr haben.“

Jetzt flog der Unterteller quer durch die Küche. Ja was soll auch eine Unterteller ohne Tasse. „Geht es dir jetzt besser?“ „Nein! Gleich fliegt der ganze Tisch in den Garten!“ „Ja, damit kannst du deine Muskelkraft unter Beweis stellen.“ „Ich habe eine starke Natur!“ „Eben. Der Tisch hätte keine Chance. Aber was hättest du davon?“ „Ich fühlte mich frei!“ „Wieso frei?“ „Weil ich meinen Gefühlen freien Lauf lasse. Ich bin eben nicht so eingeengt wie du!“ „Der Tisch passt aber nicht durchs Fenster. Es ist zu eng.“ „Und wie der passt!“ Fred stemmt den Tisch hoch. Annas Tasse samt Unterteller, Milchkanne und Zuckerdose glitten zu Boden.

„Noch weniger Geschirr. Toll diese Freiheit. Ein Scherbenhaufen.“ „Das kommt nur davon, weil du mir nicht zuhörst.“ „Worüber haben wir denn gesprochen?“ „Über:

1. Das Recht des Stärkeren.“„Aber auch über: 2. Selbstbeherrschung. Platon, Klassische Texte der Philosophie. Ein Lesebuch.“

 

Lörrach, 20.2.2015               ©p-dur